Interview als Briefwechsel
zwischen der Künstlerin Juhi Hong
und Andreas Baumgartner & Julika Teubert

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Juhi Hong (geb. 1989 in Jinhae, Republik Korea) studierte Malerei in Seoul und ist derzeit an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig in der Klasse von Asta Gröting eingeschrieben. In ihrer künstlerischen Praxis konzentriert sie sich auf alltägliche Fragestellungen, ironische Situationen und Widersinnigkeiten des Lebens. In der Wahl der Mittel bedient sie sich verschiedener medialer Ansätze, wie Video, Skulptur und Installation.
Bei deinen Arbeiten haben wir das Gefühl, dass sie sich immer wieder politischen Themen widmen und dass diese aus sehr persönlichen Erfahrungen entspringen. Was verändert sich für dich dadurch, dass du dich mit diesen Themen intensiv befasst und künstlerische Arbeiten daraus entwickelst?
Meistens arbeite ich nicht gezielt auf ein politisches Thema hin, weil Überlegungen über politische Angelegenheiten bei mir immer zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Stattdessen bevorzuge ich es, ein alltägliches Problem, das aus meiner eigenen Erfahrung entspringt, als Gedankenspiel zu formulieren. Das verschafft mir Klarheit und macht mir auch viel Spaß. Durch meine Idee möchte ich für die Betrachter:innen etwas erfahrbar machen und es über die Grenzen meiner persönlichen Situation hinaus erweitern. Ich stelle mir dann immer vor, dass ich mit meiner Arbeit einen kleinen Scherz mache. Wenn die Leute ihn verstehen und witzig finden, macht es mich froh. Und wenn meine kleine Geschichte sich von selbst mit einer politischen Ebene und mit den Geschichten anderer verbindet, denke ich dann wieder über meine Position in der Gesellschaft nach und frage mich, wie ich auf das Thema eingehen kann. Aus diesem Prozess ergeben sich viele Fragen und meine Energie im Alltag wird immer wieder neu in Gang gesetzt.
Und welche Erwartungen hast du dabei an deine eigene künstlerische Arbeit und an die Kunst anderer?
Früher habe ich mich so beschrieben, dass ich mich schnell gelangweilt und erschöpft fühle, über alte und vertraute Dinge des Alltags. Das galt auch, wenn ich über Kunst nachdachte. Deswegen war ich stets auf der Suche nach neuen Medien, Themen und Kombinationen.
Das kann manchmal ganz gut sein, weil ich neue Sachen ausprobiere und ständig über meine Grenzen hinausgehen muss. Aber gleichzeitig habe ich auch ein Bedürfnis, eine Spezialisierung für mich zu finden. Daher schätze ich Arbeiten sehr, denen man ansieht, dass hier ein Themengebiet mit Sorgfalt und Professionalität studiert wurde. In diesem Sinn bin ich beeindruckt von Leuten, die sich eigene Prinzipien und eine Routine bei der künstlerischen Arbeit erarbeitet haben. Für meine zukünftigen Arbeiten würde ich gerne eine solche Haltung verinnerlichen, also das zu lernen. 
Zu deiner Arbeit „small talks“ schreibst du in deinem Portfolio: „Ein kurzes Gespräch [...] bereitet oft Freude, hat aber auch zeitliche und inhaltliche Schranken...“. Diese Schranken umfassen auch die Sprache, in der wir uns ausdrücken und die zu Verständnisproblemen führen kann. Häufig kann man sich in der eigenen Muttersprache am unbeschwerlichsten und schnellsten ausdrücken. Was verändert es in kurzen Gesprächen für dich, dass die meisten Menschen in Braunschweig nicht deine Muttersprache sprechen?
Viele sagen, eine neue Fremdsprache lernen heißt eine neue Identität annehmen. Ich stimme da ganz entschieden zu. Meine deutschsprachige Identität ist grob und simpel im Vergleich zu meiner anderen. In meiner Anfangszeit in Deutschland war es schwierig für mich, im Gespräch direkt zur Sache zu kommen und sie klar zu benennen, was aber nötig war, um mich überhaupt verständlich zu machen. Das bereitete mir viel Stress, da es den „social skills“, die in Korea gepflegt werden, völlig entgegenstand. Es könnte bestimmt auch anders sein. Wenn ich Deutsch fließender sprechen könnte, würde ich vielleicht Wege finden, Dinge nicht so direkt und dennoch verständlich zu kommunizieren. Aber die deutsche Sprache basiert auch auf einer ganz anderen Denkweise als meine Muttersprache. Je geschliffener ich zu rede versuche, desto verwirrter bin ich selber. Ab irgendeinem Punkt habe ich dieses neue ungeschickte Ich angenommen. Ich kann nun zumindest einfach und ehrlich sprechen. In einer Fremdsprache zu denken und zu leben, beeinflusst schon seit der Grundklasse die Art, wie ich arbeite. Wenn mir eine neue Idee kommt, frage ich mich zunächst „Kann ich diese Idee auf Deutsch ausdrücken?“ Wenn nicht, dann verzichte ich meistens darauf. Diese Frage bringt Klarheit in meine Gedanken, glaube ich. 
Hast du Strategien entwickelt, durch die du leichter mit dieser Schwierigkeit in Gesprächen umgehen kannst?
Ich weiß nicht, ob ich das eine Strategie nennen würde, aber ich versuche meistens, keine Erwartung an oder Vorstellung von dem Gespräch zu haben. Ehrlich gesagt, kann sich keiner von Vorurteilen gegenüber anderen befreien, denn jeder hat seine eigenen Einschränkungen und seine eigene begrenzte Vorstellungsfähigkeit, die zu Diskriminierungen gegeneinander führen können, auf meiner Seite und auf der Seite meiner Gesprächspartnerin oder meines Gesprächspartners. Wir sollten vor Gesprächsbeginn versuchen, möglichst unvoreingenommen voneinander zudenken, also die Waage auf Null stellen, auch wenn das sehr schwierig ist in unserer Welt. 
Auch wenn du zum Teil sehr ernste Themen behandelst, merkt man deinen Arbeiten eine große Experimentierfreude an. Sie wirken oft wie Untersuchungen, die einem laboratorischen Versuchsraum entsprungen sein könnten. Wie sieht die Entwicklung einer künstlerischen Arbeit bei dir aus?
Es geht um meine persönliche Erfahrung, nicht so sehr um eine technische Entwicklung, um die Erweiterung meines Horizonts und die thematische Vertiefung in meiner Arbeit.
Eine große Motivation ist immer der Spaß an künstlerischen Arbeiten, wenn ich interessante Verbindungen aus unterschiedlichen Medien und Inhalten entdecke. Zum einem experimentiere ich fortlaufend mit Medien, und zum anderen versuche ich mein Leben zu genießen, mit allen guten und schlechten Seiten. So könnte ich, vermute ich, auch nach zehn Jahren noch mit neuen Entwicklungen überraschen. Vielleicht denke ich da auch etwas naiv…? 
Was hat dir während deines Kunststudiums besonders gefallen? Und was hättest du dir von der Hochschulleitung der HBK oder den Studierenden anders gewünscht?
Die Werkstätten an der HBK sind gut ausgestattet und die Leiter*innen immer hilfsbereit. Ich wünschte nur, die Hochschule würde ihren Studierenden aktiver Ausstellungsgelegenheiten und Programme anbieten, damit mehr von ihnen ihre Leistungen an die Öffentlichkeit bringen könnten.
Hast du schon Pläne für die Zeit nach deinem Diplom?
Eigentlich habe ich keine festen Pläne. Aber ich würde gerne Erfahrungen in verschiedenen Ausstellungskontexten sammeln. Dann könnte ich vielleicht neue Sachen orientiert an anderen Räumlichkeiten als die der Hochschulateliers schaffen.
Vielen Dank, das Gespräch mit dir war für uns sehr bereichernd und wir sind gespannt auf deine Diplomarbeit!
Darf man ein eigenes Fahrrad haben, wenn man es vor Gefahr nicht schützen kann?
Fahrradrahmen, Felge, Reifen, Lack, Edelstahl, Wachs 
2018
small talks (Ansicht der Installation im Freibad Raffteich)
neun mit Wasser gefüllt Schwimmringe, selbstklebende Gewichte, Schablonendruck
Foto: Younghee Shin
2019
(un)censored language
10:53 min
sound installation
Aquarium, Aquariumslampe, Pumpe, Sichtschutzfolie, DVD-Player, Kopfhörer
2018/19

Interview zwischen der Künstlerin Sophie Pape
und Andreas Baumgartner & Julika Teubert

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Sophie Pape (geb. 1997 in Berlin, Deutschland) studiert aktuell an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Freie Kunst. Sie studierte sowohl bei Hartmut Neumann als auch bei Asta Gröting, in deren Klasse sie in diesem Sommer ihr Studium mit dem Diplom abschließen wird. Über ihre Arbeiten sagt sie:
„In vielen meiner Arbeiten versuche ich auszuloten, welche Möglichkeiten ich zum Erzählen eigener Geschichten habe. Dabei arbeite ich damit, dass mein Verstehen tief geprägt ist von Bildern und Erzählweisen, die mich mein Leben lang umgeben haben.
So finden sich in Arbeiten wie „Harpyie (Ich als Bacchus)“, „Lucky Luke“ oder „Kopf/Höhle“ Motive aus der antiken Mythologie, aus dem Cartoon und aus Computerspielen wieder. Auch Piktogramme, Comics und Anleitungen tauchen oft in meiner Bildsprache auf. Mich interessiert unter anderem, welche Rolle die Möglichkeiten verschiedener bildhauerischer Materialien spielen, wenn ich diese Elemente zueinander in Kontext setze. 
Während meines Studiums habe ich durchgehend im Medium der Zeichnung gearbeitet, ab dem 3. Semester kamen Objekte und Installationen hinzu. Mittlerweile gibt es auch Fotografie, Video und Sound in meinen Arbeiten.“
Deine Arbeiten setzten sich zu einem großen Teil aus Zeichnungen und bildhauerischen Objekten zusammen. Man merkt ihnen an, dass sie in ihrer Formsprache nah aneinanderliegen. Transformierst du deine Zeichnungen manchmal in den dreidimensionalen Raum, oder siehst du deine Objekte als eine dreidimensionale Zeichnung? 
Nein, nicht unbedingt. Eine Zeichnung, mit der ich zufrieden bin, würde ich nicht eins zu eins als Skulptur oder Installation umsetzen. Das ist dann eine eigene Arbeit. 
Die Berührungspunkte von Zeichnung und Skulptur sind aber auf jeden Fall ein wichtiges Thema für mich und es stimmt schon, dass viele meiner bildhauerischen Arbeiten zeichnerische Aspekte haben, aber ich sehe sie nicht nur als Zeichnung im Raum. 
Bei Skulpturen und Installationen ist man ja nochmal mit anderen Fragen von Materialität und technischer Umsetzung konfrontiert als bei der Zeichnung.
In deiner künstlerischen Praxis verwendest du viele Symbole, die in ihrer Formsprache etwas Funktionales an sich haben, wie zum Beispiel ein Pfeil. Gleichzeitig kommen immer wieder tierische Wesen vor, die durch ihre Lebendigkeit auch Emotionen transportieren können. Verfolgst du mit der Kombination aus Symbolen und Tieren eine klare Absicht oder handelt es sich dabei um ein intuitives Zusammenspiel?
Das ist schon eher intuitiv. 
Es gibt ein paar Tiere, die für mich schon allein durch ihr Aussehen ein bestimmtes Gefühl transportieren. Ich merke das dann oft beim Zeichnen, dass ich zum Beispiel Vogelkrallen mit einem ganz anderen Gefühl zeichne als weichere Formen. Das Spitze und Stechende der Krallen überträgt sich dann in die Zeichnung.
Manchmal sind es aber auch bestimmte Eigenschaften von Tieren, die mich faszinieren, zum Beispiel die Spinne mit ihrer Fähigkeit zum Weben von Netzen.
Ich denke, dass die Tiere, die in meinen Arbeiten auftauchen, keine festen Bedeutungen haben, sondern eher Akteur:innen sind, die in verschiedenen Kontexten verschiedene Rollen einnehmen können. 
So ähnlich ist es bei den Zeichen, die eher aus Schildern, Piktogrammen oder Infografiken kommen, die verwende ich nicht nur nach einer festgelegten Bedeutung, sondern hoffe, dass sie in der Zeichnung flexibler werden können. Solche Zeichen müssen dann nicht mehr unbedingt sachlich oder funktional sein. 
Außerdem tauchen bei dir oft Motive auf, die an einen Comic erinnern. Eine Arbeit trägt sogar den Titel „Lucky Luke“. Welche Bedeutung haben Comics in deinen Arbeiten?
Ich würde nicht unbedingt das Wort Comic benutzen, denn das bezeichnet ja eher das sequenzielle Erzählen in Bildern. Was mich mehr interessiert, ist das Phänomen der vereinfachten Darstellung im Cartoon, die in Comics auch oft verwendet wird. Mir ist irgendwann am Anfang meines Studiums klargeworden, dass ich beim Zeichnen unbewusst extrem viel aus der Cartoon-Ästhetik zitiere. Daraufhin habe ich mich intensiver damit auseinandergesetzt, welche Motive und welche Darstellungsweisen zum Beispiel für Emotionen im Cartoon auftauchen.
Mich fasziniert, dass man mit einem stark reduzierten Zeichenstil eine sehr große Freiheit hat, sogar absurde Dinge einigermaßen spontan darzustellen, aber man trotzdem eine Offenheit für die Interpretation ermöglichen kann. Ein Pfeil kann ganz nüchtern eine Richtung anzeigen, er kann in der Zeichnung aber auch zu einem aggressiven Angriff werden. Eine gezeichnete Wolke kann ein Wetterphänomen sein, über dem Kopf einer Figur aber ebenso einen Gedanken darstellen. 
Die Schattenseite von Cartoons und Piktogrammen ist aber, dass sie durch ihre Reduktion sehr brutal sein können. Die Realität ist ja immer eine Milliarde Mal komplexer als das, was ein Strich oder eine Grafik darstellen können. 
In Comics und Cartoons gibt es oft sehr stereotype und rassistische Darstellungen. Auch Piktogramme, die beispielsweise Toiletten nach Gender trennen, greifen auf Reduktion zurück.
Unter anderem deshalb habe ich die Stickarbeiten gemacht. Man sieht bei ihnen ja auch immer die Stiche und die Fäden raushängen. Ich dachte, dass man im dreidimensionalen Raum gut darauf hinweisen kann, dass die Linien, wie beispielsweise die der Figur des Lucky Luke, hergestellt und reproduziert werden, dass sie aber nicht selbstverständlich sind und man sie deshalb auch nicht so hinnehmen muss. Die Konfrontation des scheinbar schnellen, leichtfertigen Cartoons mit so einer mühseligen Arbeit des Stickens hat mir gefallen. 
Da wir in einer gemeinsamen Klasse sind, kennen wir viele deiner Zeichnungen. Teilweise veröffentlichst du sie auch über Instagram. Bei dem Betrachten hatten wir sofort das Gefühl, dass diese sehr nah an dir dran sind und sie gewissermaßen eine intime Veräußerung deines Innenlebens darstellen. 
Wie ist es für dich, solche persönlichen Aspekte einer unkontrollierten Öffentlichkeit preiszugeben und dich dadurch einer möglichen Verletzlichkeit auszusetzen? Gibt es Unterschiede zur Skulptur?
Das ist eine schöne Frage. Bei meinen Zeichnungen ist der Identifikationsfaktor schon wichtig. Es fühlt sich auf jeden Fall gut an, wenn andere Menschen mir spiegeln, dass sie etwas in ihnen auslösen.
Wenn man etwas Intimes von sich teilt, macht man sich natürlich irgendwie verletzlich, aber man hat ja die Kontrolle darüber, was man zeigt und was nicht. Und es kann sogar befreiend sein, etwas von sich mitzuteilen.
In der Skulptur und vor allem in der Installation kommt nochmal dazu, dass die Materialien und Objekte spätestens im Raum oft etwas ganz anderes wollen, als was ich eigentlich davon erwartet hatte. Da geht es dann etwas weniger um mich, sondern auch darum, wie einzelne Materialien und Komponenten der Arbeit aufeinander reagieren. Dann löst sich die Arbeit nochmal etwas von mir als Person. 
Es ist für mich außerdem sehr befriedigend, dreidimensional zu arbeiten. Ich glaube, der körperliche Faktor ist dabei total wichtig. Die Tatsache, dass etwas physischen Raum einnimmt und man ein körperliches Gegenüber hat.
Denkst du, dass sich deine künstlerische Arbeit außerhalb der Kunsthochschule und ohne ein festes Atelier und den Werkstätten, verändern wird? 
Ich hoffe es! Ich glaube, für mich war es schon während des Studiums immer wichtig, Altes zu verwerfen und dann wieder neu anzusetzen.
Vielen Dank für das spannende Gespräch, wir freuen uns schon sehr darauf, deine Diplomarbeit bald sehen zu können!
Messer
Stift auf Papier
2018
Kopf/Höhle (Detail)
glasierte Keramik, lackiertes MDF 
2019
Läufer/Greifer
glasierte Keramik 
2017
Harpyie (Ich als Bacchus) (Detail)
verschiedene Materialien
2019
Lucky Luke (Detail)
verschiedene Materialien
2019
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